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Kunst für den Küstenschutz:
Der Skulpturenweg am Jadebusen


von Barbara Bokern

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin und lebt in Oldenburg
email: barbok@web.de

Am 30. August 1996 standen sie in strömendem Regen mit Fackeln auf den Deichen am Jadebusen: rund 16 000 Menschen aus Wilhelmshaven, den Landkreisen Friesland und Wesermarsch. Ein eindrucksvolles Bild mit ernstem Hintergrund. Denn mit dieser Aktion protestierten die Menschen gegen den juristischen Baustopp am Deich. Der nämlich war durch eine Klage der Umweltschützer erstmals in der 1000jährigen Deichbaugeschichte vom Verwaltungsgericht Oldenburg verhängt worden. Durch den halbfertigen Deich bei Cäciliengroden, aufgeschlitzt und mit Sand vollgespült, waren nicht nur 22 000 Hektar Land, sondern auch rund 15 000 Bewohner akut gefährdet. Ein Vergleich mit den Naturschützern Ende Januar 1997 setzte diesem bedrohlichen Zustand ein Ende.

An vorderster Front kämpfte seinerzeit Frank Klimmeck, Pfarrer der evangelisch-lutherischen Christus-Kirchengemeinde in Sande-Cäciliengroden. Doch mit der Fackeldemonstration allein war’s nicht getan. Dauerhafte und unübersehbare Zeichen zur Mahnung wollten er und seine MitstreiterInnnen gegen das Vergessen des Deich- und Küstenschutzes schaffen und die Erinnerung wach halten an die Schöpfung Gottes, dem der Mensch seine eigenen Schöpfungen entgegensetzen muss(te), um an Küste und Meer überleben zu können. Was bot sich also besser an, als die „EXPO am Meer“ im Jahr 2000 für diese Ziele zu nutzen und eine breite Öffentlichkeit auf die immer präsente, allgegenwärtige Notwendigkeit des Deich- und Küstenschutzes aufmerksam zu machen.

So entwickelte sich der Gedanke, die Menschen durch „Kunst am Deich“ an die Küste, insbesondere den Jadebusen zu locken, und bald schon war die Idee zu einem Bildhauersymposion geboren – umsonst und draußen für jedermann zur Zeit der „EXPO am Meer“. Das Thema der Weltausstellung in Deutschland „Mensch – Natur – Technik“ bot sich zudem geradezu an für die Thematik des Bildhauersymposions, „Die sieben Tage der Schöpfung – Sieben SEH-Zeichen auf sieben SEE-Meilen“. Nicht die Kunst als „Gebrauchskunst“ oder „Dekoration“ stand beim Symposion im Vordergrund. Die „Sieben Tage der Schöpfung“ als „Kunst am Deich“ woll(t)en vielmehr als Grundlage der weiteren Schöpfung durch den Menschen – also des Deichbaus und Küstenschutzes – verstanden werden. Dieser wichtige Aspekt hat den III. Oldenburgischen Deichband dazu bewogen, das Symposion unbedingt zu befürworten und zu unterstützen. Das durch das finanzielle Engagement von Sponsoren und Förderern - die Gemeinden Bockhorn. Sande, Varel, Zetel sowie des Landkreises Friesland - erst ermöglichte Kunstspektakel begriff der Deichband denn auch für sich als Chance, eine breite Masse auf die Notwendigkeit von Deichbaumaßnahmen aufmerksam zu machen.

Die acht Künstlerinnen und Künstler aus der Region und der Lausitz waren darum sehr angetan von der Idee, die Kunstwerke aus Bentheimer Sandstein vor den Augen der Öffentlichkeit an der Deichbaustelle in Cäciliengroden zu schaffen. Vom 15. Juni bis zum 15. Juli 2000 schlugen Nicolei Deppe (Bremen), Ivo Gohsmann (Oldenburg), Eckart Grenzer (Oldenburg), Adrian Jähne (Görlitz), Jo und Jutta Klose (Nordhorn), Norbert Pierdzig (Edewecht) und Thorsten Schütt (Horsten) ihr Quartier in der Kirchengemeinde in Sande-Cäciliengroden auf, wo sie nicht nur die Gastfreundschaft Frank Klimmecks, Initiator und Moderator des Symposions, genossen, sondern ebenso die Gemeinschaft unter KünstlerkollegInnen. Täglich arbeiteten sie, mit den erforderlichen Werkzeugen ausgestattet, bei Wind und Wetter an ihren Skulpturen und kamen mit vielen Menschen ins Gespräch, die ihnen bei der Entstehung ihrer imposanten Kunstwerke zuschauten. „Die Menschen gehören auf oder an den Deich“, weiss Hans-Heinrich Schrievers aufgrund seiner Erfahrung als stellvertretender Verbandsvorsitzender des III. Oldenburgischen Deichbandes. „Und wenn sie erst einmal dort sind, wie während des Symposions zur biblischen Schöpfungsgeschichte und damit gleichzeitig auch etwas über die Arbeit für den von Menschenhand geschaffenen Deich und das Warum erfahren, identifizieren sie sich mit dem Deich und treten in kritischen Phasen für seine Schutzmaßnahmen ein.“

Über die Neugier und die positive Resonanz der Symposionbesucher waren die Initiatoren denn auch sehr erfreut. Das ist kein Wunder, betrachtet man die beeindruckenden und imposanten Kunstwerke zu den „Sieben Tagen der Schöpfung“, mit deren Inhalten sich die KünstlerInnen nach Sichtung des zu bearbeitenden Steinmaterials schon lange zuvor auseinandergesetzt und ihre Ideen und Assoziationen dazu in Skizzen und Modellen festgehalten hatten.

Nicolei Deppe setzte während der einmonatigen Arbeitszeit seinen Entwurf zum ersten Schöpfungstag „Licht und Finsternis“ um. „Der Tag als das Licht ließ sich wunderbar als eine sich nach oben verjüngende Lichtsäule mit gotischer Spitze gestalten, den Rest des Steins leicht überragend.“ Während Deppe den Tag an die längste Ecke des Blocks positionierte, bricht sich die Nacht in Gestalt eines Kubus diagonal gegenüber aus dem Block bahn. „Denn die Nacht ist eine rein konstruktive Angelegenheit, das heißt in ihrer Größe nicht sichtbar, sondern nur in der menschlichen Vorstellung existent. Man sieht sie nicht. Folglich konnte ich sie nur abstrahieren“, erklärt der Bildhauer sein Werk, dessen unbearbeiteter Rest für den chaotischen Urzustand steht, aus dem Tag und Nacht entstanden sind. Die 280 x 120 Zentimeter (cm)große Skulptur wurde am Deich, in Ost-West-Richtung ausgerichtet, aufgestellt.

Den zweiten Schöpfungstag „Die Feste – Der Himmel“ hatte sich Adrian Jähne zum Thema seiner Arbeit gewählt. Für ihn hat der Schöpfer den Himmel über der Erde errichtet, um das Chaos auf der Erde auf Distanz zu halten und die Sterne an der Feste anbringen zu können. Nur er hat Zutritt auf die Erde durch den Himmel. „Ich habe stabile Säulen unter die Feste gearbeitet, weil nämlich wir Menschen heute den Himmel unterstützen müssen, da wir unsere Erde nur ausgebeutet und strapaziert haben. Es ist nun an der Zeit, dass wir zu unserer eigenen Bestimmung gemäß des Schöpfungswillens finden und aufhören, Tiere und Natur zu quälen. Wir sind ein Teil der Natur und stehen nicht über ihr“, erläutert Adrian Jähne den appellativen Charakter seines Kunstwerks von 280 x 130 x 150 cm Größe, dem er den Titel „Teil des Ganzen“ gegeben hat.

Als „reizvolle Herausforderung“ hat der Holzbildhauer Thorsten Schütt seine Teilnahme am Symposion erlebt. Der dritte Schöpfungstag, die Erschaffung von „Erde und Meer – Die Pflanzen“, hatte ihn besonders angesprochen. „Tropfen haben für mich eine starke symbolische Funktion: Sie stellen den kleinsten für uns mit bloßem Auge sichtbaren Teil von Wasser dar – alles Leben kommt aus dem Wasser. Tropfen können Trauer und Freude implizieren aber auch Spermien andeuten – Fortpflanzung“, führt Schütt aus. Da der Künstler gerne mit dem Material korrespondiert, präsentierte er vor der praktischen Arbeitsphase auch kein fertiges Modell der geplanten Skulptur, sondern stellte seinen Ideenansatz vor. „Meine Intuition war, eine Durchdringung im oberen Abschnitt zu schaffen und aus dieser eine Art Quelle fließen zu lassen. Dieser Erguss von Tropfen sollte sich in einer Keimlingsform bewegen (...die Pflanzen ...). Ursprünglich war sogar nur ein großer Tropfen angedacht - aufgrund der knappen Zeit, die uns zur Verfügung stand. Der Stein gab mir mehr - und so entstanden diverse Tropfen und Durchbrüche, einige klein versteckt, andere sichtbar und auffordernd zu ‚begreifen‘.“ Das Kunstwerk hat eine Größe von 280 x 100 x 100 cm.

Der Gestaltung des vierten Schöpfungstages hat sich das Künstlerehepaar Jutta und Jo Klose gewidmet. Die Thematik „Sonne, Mond und Sterne – Die Lichter“ brachten die Bildhauer zum einen durch die farbliche Gegensätzlichkeit der beiden Steinelemente zum Ausdruck, welche sie mit geometrischen Symbolen für die Himmelskörper sowie mit Metaphern und Allegorien für das Jahr, die Wochen, Tage, Mondphasen und das Mondjahr graphisch gestalteten. Zum anderen besteht die Skulptur aus zwei vertikalen, gegeneinander gesetzten Wänden, die sich auf eine in West-Ost-Richtung verlaufenden Fluchtlinie bis auf eine schmale Öffnung zur geometrischen Grundfigur des Quadrats ergänzen. Die schmale Öffnung in der Mitte bildet in der Durchsicht die Nord-Süd-Achse. „Die Steinkörper sind axial so ausgerichtet, dass am 21. Juni um 12 Uhr, am Tag der Sommersonnenwende, der Lichtstrahl der Sonne genau durch den Spalt zwischen den beiden Steinwänden entlang der Nord-Süd-Achse verläuft“, führt Jo Klose aus und fügt hinzu: „Zentrum und Öffnung der Skulptur beziehen sich auf den Boden, den Himmel und die sich kreuzenden Raumachsen.“ Nun, da die Steinelemente hinter dem Deich ständen, fügten sie der erdverbundenen Waagerechten ihre himmelwärts strebende Senkrechte hinzu und betonten so die der Marschlandschaft inne wohnende Spannung.“

Auf zwei Grundgedanken basierend hat Ivo Gohsmann seine Arbeit zum fünften Tag der Schöpfungsgeschichte , „Die Tiere im Wasser und in der Luft“, konzipiert. Jeder Schöpfungsakt in der Genesis, so stellte der Künstler fest, besteht aus zwei Teilen, die untrennbar miteinander verbunden sind: Gott sprach – und es ward. „In meiner Erfahrung als Bildhauer gibt es einerseits die Idee, den Gedanken oder die Vorstellungen und andererseits das Tun selbst. Übertragen auf die Schöpfungsgeschichte wären also die Worte ‚und es ward‘ bezogen auf die Formen, die wir heute sehen: auf den Wal, den Stichling, den Adler und den Spatz.“ Eine konkrete Darstellung der Tierarten kamen für Gohsmann jedoch nicht in Frage, also beschäftigte er sich mit dem ersten Schritt der Schöpfungsaktes: Wie könnte es aussehen, wenn Gott spricht? „Meine Vorstellung davon ist der eben erwähnte Anfang auch meiner Arbeit, die Idee, der Gedanke, die Vorstellung und noch keine Ausprägung. Der
Anfang vom Anfang“, erklärt der Künstler weiter. Alles weitere in der Formgebung seiner Skulptur beziehe sich auf die Bedingungen der Elemente Luft und Wasser. „Beide Wesensarten schweben in ihrem Element. Und ihre Bewegungen formen sich an den Elementen. Die Skulptur ist also angelegt als ein Gefüge aus Assoziationen, die Rückschlüsse und Spiegelungen auf den Anfang möglich machen.“ Das Kunstwerk hat eine Größe von 180 x 300 cm.

„Die Tiere des Feldes. Der Mensch“ sind Thema des sechsten Schöpfungstages, dem Norbert Pierdzig seine Aufmerksamkeit gewidmet hat. Seine Skulptur von 3,80 Metern Höhe zeigt im unteren Bereich des Steinblocks die Entstehung der Menschheit in Form eines Embryos in seiner Haltung im Mutterleib, zu verstehen als symbolhafte Darstellung für ein „unbeschriebenes Blatt“, dessen Entwicklung noch jegliche Richtung zulasse, so der Künstler. Zwei überdimensionale Samenzellen von Landtieren und eine vom Menschen, Originalwiedergaben von mikroskopischen Aufnahmen, sollen verdeutlichen, dass „alle drei (...) den gleichen Ursprung (haben), doch ihre Wege trennen sich nach einer Weile und gehen in verschiedene Richtungen“, erläutert Pierdzig seine 400 x 120 x 60 cm große Skulptur.

„Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte“, heisst es zum Abschluss der Schöpfungsgeschichte. Den siebten Tag hat sich Eckart Grenzer zum Thema seines Kunstwerks gewählt, das er – im Gegensatz zu den Sandsteinskulpturen seiner Kollegen – in Granit gearbeitet hat. Die senkrechte Platte seines Oeuvres hat eine Höhe von 330 cm, die Fußplatte misst 270 x 220 cm. „Zwei goldene Hände in der nach vorne geneigten senkrechten und zwei goldenen Füße in der Fußplatte symbolisieren: Dazwischen ist eine Person, ein – nicht sichtbares – Wesen, das ein bedrohliches Gewicht im Gleichgewicht halten, es wieder aufrichten muss“, erläutert der Künstler. Die Antwort auf das Warum dieser Anstrengung findet sich in der Fußplatte eingemeißelt: „Da Gott ruhte, tobte das Meer auch am siebten Tag.“ Eckart Grenzer will damit konkret verdeutlichen, dass das Meer keine Rücksicht nimmt auf Ruhezeiten, auf den Sabbat. Im Gegenteil, es nage immer weiter an den Deichen. „Wir ruhen zwar, müssen aber gleichzeitig die hohe Kraft des Festhaltens, Stützens aufbringen“, beleuchtet Grenzer seine hinter der skulpturellen Umsetzung stehenden Gedanken.

Die sieben Kunstwerke „Die sieben Tage der Schöpfung – Sieben SEH-Zeichen auf sieben SEE-Meilen“ wurden nach ihrer Fertigstellung an den Deichen aufgestellt, und zwar entlang des Radwanderwegs am Jadebusen in Mariensiel (erster Schöpfungstag), Cäciliengroden/Nord, Cäciliengroden/Süd, Idagroden, Petersgroden, Petershörn und Dangast (siebter Schöpfungstag). Mit ihrer Enthüllung am 30. August 2000, in Erinnerung an die Lichtermahnkette vor vier Jahren, wurden die Skulpturen nicht nur der Öffentlichkeit und in die Pflegschaften der Gemeinden Sande, Zetel, Bockhorn und Varel übergeben, sondern das Bildhauersymposion fand mit dem sich anschließenden Sternmarsch zum damaligen Schimmelreitergelände beim Sielhafen in Dangast auch seinen offiziellen Abschluss. „Jedes der sieben Kunstwerk wurde auf ein Betonfundament mit gemauertem Klinkersockel gestellt“, erläutert Frank Klimmeck. „An jedem Sockel wird der Deichband noch Tafeln anbringen, die die Beschreibung von Küstenschutz und Deichgeschichte als Schöpfung des Menschen in der Haushalterschaft und Verantwortung für Natur, Kultur und Leben am Wasser zeigen und die geschichtliche Entwicklung von Grodenprägung und Wattenmeer darstellen.“

So nehme der Skulpturenweg am Deich des westlichen Jadebusen nicht nur das Spannungsverhältnis zwischen Gottes und des Menschen Schöpfung auf und thematisiere es, so Regierungspräsident Bernd Theilen in seinem Grußwort anlässlich des Symposions, sondern zeige gleichzeitig, wie inspirierend unsere Küstenlandschaft für die Kunst wie für die Künstler sein könne.
 

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